27. June 2017 |
 
 
 

Die Frauen vom Roten Fluss

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Eine einzigartige Frauen-Kooperative in ZentralanatolienIm Juni 2012 führt uns unsere Wanderreise in die faszinierende Tuffsteinlandschschaft Kappadokiens. Tief eingeschnittene Canyons, bizarre Felstürme, unterirdische Städte und zahllose byzantinische Höhlenkirchen machen diese Region in Zentralanatolien zu einem beliebten Reiseziel. Dabei ist nicht nur die Vergangenheit beeindruckend.

Unser Freund Talet erzählt begeistert von einem Frauenprojekt das ihm sehr am Herzen liegt: Die Gemeinschaft der Frauen Unternehmerinnen Avanos, im türkischen Avanos Kadın Girisimciler Kooperatifi genannt.

Nach einer Fahrt über staubige Straßen und durch eine grandioseLandschaft überqueren wir auf einer schmalen Brücke den Roten Fluss Kizilirmak, den längsten Fluss der Türkei. Wir sind bei der Kooperative zum Essen eingeladen. Neugierig betreten wir das imposante Gebäude. Die Frauen erwarten uns schon und sitzen um einen großen runden Tisch bei der Arbeit. Wir treffen Frau Nurcan und ihre Kolleginnen im selbstverwalteten Restaurant des Projektes. Die 2009 gegründete Frauen-Kooperative hat hier ihren Sitz und das Restaurant ist mittlerweile zu einem Geheimtipp geworden.

Von folgenden Bedingungen muss man hier ausgehen

In Zentralanatolien stehen Frauen nach der Scheidung oder nach dem Tod ihres Mannes oftmals vor dem finanziellen Ruin. Eine Absicherung durch Unterhalt oder staatliche Leistungen ist nicht oder nur unzureichend gegeben. Erschwerend kommt hinzu, dass die Tradition es den Frauen fast unmöglich macht Arbeit zu finden und einer einträglichen Erwerbstätigkeit nach zu kommen. Dies gilt besonders für ländliche Regionen. Aus dieser Situation heraus haben sich Frau Nurcan und Frau Nurten mit anderen Frauen zusammen getan und 2009 mit viel Mut und Engagement neue Wege beschritten.

Durch den Bürgermeister von Avanos haben sie dabei große Unterstützung erhalten. Die Gemeinde hat der Frauen-Kooperative damals ein altes Verwaltungsgebäude zur Verfügung gestellt. In viel Eigenarbeit und mit geringen finanziellen Mitteln wurde das Haus renoviert und in ein Restaurant umgebaut. Zur Einweihung im Jahr 2010 erschien der Bürgermeister mit dem gesamten Stadtrat. Das hatte natürlich eine breite Öffentlichkeitswirkung. Schnell sprach es sich herum, dass die Frauen ihre Speisen mit viel Sorgfalt zubereiten und man hier äußerst gastfreundlich empfangen wird.

Heute arbeiten etwa zehn Frauen im Alter von 35 bis 65 Jahren im Restaurant. Die frisch zubereiten traditionellen Gerichte werden ausschließlich aus regionalen Zutaten hergestellt. Es versteht sich von selbst, dass Fertiggerichte oder vorgefertigte Waren in ihrer Küche nichts verloren haben.

Wir sitzen in dem geräumigen, hellen Speisesaal und die Frauen verwöhnen uns mit köstlichen Vorspeisen. Dampfende Teller kommen nun auf den Tisch, bis an den Rand gefüllt mit leckeren Manti, die mit türkischem Joghurt und feiner Tomatensauce übergossen sind.Diese kleinen Teigtaschen werden in aufwendiger Handarbeit hergestellt. Einzeln werden sie geformt, mit Fleisch gefüllt und sorgfältig verschlossen.

Wir wollen mehr wissen über die Lebenssituation der Frauen und wie sie von dem Einkommen aus ihrer Arbeit im Restaurant über die Runden kommen. Frau Nurten erklärt uns, dass Frauen auf der Suche nach einem Arbeitsplatz noch immer mit großen Vorurteilen zu kämpfen haben. Die Frauen der Kooperative müssen ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder bestreiten und dazu noch in der Welt der Männer ihre Stellung behaupten. Allen Projekt-Frauen ist eine schwierige wirtschaftliche und soziale Situation gemeinsam. Einige der Frauen sind geschieden. Obwohl es seit 2 Jahren in der Türkei eine gesetzliche Regelung zur Unterhaltspflicht gibt, sieht die Realität meistens anders aus. Geschiedene Frauen müssen den Unterhalt für sich und ihre Kinder, die Schulkosten, Miete, Arztbesuche etc. häufigselbst finanzieren. Die staatliche Rente in Höhe von 350 – 400 € ist viel zu gering um den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Eine der Frauen kümmert sich seit Jahren um ihren kranken Mann. Aufgrund einer schweren Krankheit ist er arbeitsunfähig. Die langen Krankenhausaufenthalte und die Kosten für Medikamente haben die geringen Ersparnisse der Familie verschlungen und sie in große finanzielle Not gebracht. Das Einkommen durch die Frührente reicht bei weitem nicht um die die Familie zu ernähren. Mit viel Mut, Tatkraft, Eigeninitiative und hohem sozialen Verantwortungsgefühl gründeten die Frauen die Gemeinschaft der Frauen Unternehmerinnen Avanos. Durch die selbstgeschaffenen Arbeitsplätze haben sie ihrem Leben eine neue Wendung gegeben.

Das zweite Standbein der Kooperative…

…ist ein kleines Keramikatelier direkt am Kizilirmak gelegen. Wir verabschieden uns von den Frauen des Restaurants und spazieren zum Atelier. Auch hier arbeiten etwa zehn Frauen. Die Stadt Avanos blickt auf eine Jahrtausende alte Tradition des Töpferhandwerks zurück. Die Frauen haben diese Tradition aufgegriffen und stellen mit großer Kunstfertigkeit und Liebe zum Detail unterschiedlichste Keramiken her. Jedes Stück ist ein Unikat und wird abschließend von der Künstlerin handsigniert.

Die Frauen erklären uns begeistert die einzelnen Arbeitsschritte

Mit viel Spaß und Gelächter versuchen wir uns an einem Rohling und bekommen einen Eindruck von der großen Sorgfalt die bei der Herstellung der Keramiken nötig ist. Von der häufig angebotenen Massenware ist man hier weit entfernt. Frau Nurten erzählt uns, die Frauen können in der Hochsaison 350 – 500 € im Monat verdienen. Ganz anders ist die Situation in den Wintermonaten. Die Touristen fehlen und das Einkommen reduziert sich auf 100 – 150 €.

Der Bedarf an Einkommensmöglichkeiten für Frauen ist weiterhin sehr groß. Immer mehr Frauen bewerben sich bei der Kooperative um einen Arbeitsplatz. Die Kapazitäten sind momentan jedoch ausgeschöpft. Immer wieder diskutieren die Projekt-Frauen darüber wie sie es schaffen können noch mehr Frauen in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Die Gemeinschaft bedeutet allen viel mehr als nur die Existenzsicherung: „Wir haben hier die Möglichkeit zusammen zu halten, uns zuzuhören und beizustehen und ganz wichtig ist es auch unseren Kindern ein Vorbild zu sein und ihnen neue Wege zu zeigen.

Die Frauen-Töpferei in AnatolienFiligrane Töpferarbeiten entstehen in der Frauen-Töpferei

Abschließend wollen wir wissen welche Themen für die Zukunft des Projektes anstehen. Frau Nurten schätzt das sehr klar ein: „Wir erwarten keine Wunder. Das Restaurant erfreut sich ja schon großer Beliebtheit. Aber wir benötigen unbedingt eine kontinuierlichere Auslastung. Und für das Keramikatelier stehen noch Anschaffungen wie ein eigener Brennofen an, um unabhängiger arbeiten zu können. Die Lage des Ateliers ist zentral und wirklich prima. Nun müssen die Verkaufszahlen noch stärker zulegen. Es hilft uns sehr, wenn man uns weiter empfiehlt und für uns Werbung macht. Die Gemeinschaft ist unsere Familie und die Familie soll wachsen.“

Wir sind beeindruckt von der Energie dieser Frauen, wie sie sich ihrer Situation annehmen und engagiert für ein Miteinander eintreten. Wir freuen uns darauf die Frauen beim nächsten Mal im Rahmen einer unserer Reisen mit einer Gruppe aus Deutschland zu besuchen.Im Verabschieden versprechen wir uns dafür einzusetzen, die Avanos Kadın Girisimciler Kooperatifi bekannter zu machen und wünschen den Frauen viel Erfolg damit diese großartige Idee weiter leben kann. Bizde buradan Avanos Kadın Girisimciler Kooperatifi ve Hanımlarına en içten dileklerimizi sunar ve başarılarının devamını dileriz. (Wir wünschen den Damen der Gemeinschaft der Frauen Unternehmerinnen Avanos viel Glück und Erfolg für die Zukunft.)

Gudrun Queitsch und Bettina Kiru Weidner (Alpinkreaktiv Wanderreisen für Frauen, www.alpinkreaktiv.de)